Die Kunst mit Adlern zu jagen

Die Graslandschaften bescheren den scheinbar endlosen Steppen der Mongolei eine traumhaft schöne Kulisse. Bilder einer Welt, die unter den asiatischen Ländern besonders exotisch scheint. Die Mongolei ist vor allem durch ihre Nomadenvölker und historischen Figuren wie den Eroberer Dschingis Khan bekannt. Das Volk lebt noch immer seine Traditionen. Jedes Jahr vom 10. bis 13. Juli findet zum Beispiel das Naadam-Fest statt. Das sind traditionelle Feiertage, an denen Athleten in Disziplinen wie Reiten, Bogenschießen und Ringen gegeneinander antreten. Eine weitere Besonderheit und Tradition ist die Jagd mit Adlern, der sich dieser Artikel widmet.

Die Geschichte der mongolischen Falknerei

Die Falknerei ist seit Jahrtausenden ein fester Bestandteil der Steppenvölker in Zentralasien. In der Mongolei lebt vor allem die kasachische Ethnie diese Tradition. Felszeichnungen aus dem Zeitraum 2500 v. Chr. geben bereits Aufschluss über die Praktiken der Adlerjagd in der westlichen Monoglei. In der jüngeren Geschichte berichtet Marco Polo in seinen Aufzeichnungen von den groß angelegten Jagdausflügen des Herrschers Kublai Khan, auf denen er Adler und Falken benutzte. Leider litt die traditionelle Jagdkunst der kasachischen Minderheit unter der vergangenen kommunistischen Unterdrückung. Heute betreiben besonders die Menschen diesen Sport, die der eigenen kulturellen Identität zu neuem Glanz verhelfen wollen. Des Weiteren sorgte das steigende ausländische Interesse für die Adlerjagd dazu, dass die kasachische Ethnie die Kunst als Kulturerbe deklarierte.

Der Jäger aus der Luft

Der Steinadler ist der Star dieser Jagdkunst. Er ist einer der am häufigsten vorkommenden Adlern der nördlichen Hemisphäre. Seine Art verteilt sich auf Gebiete wie die Hochebenen Asiens inklusive des Pamir-Gebirges, Osteuropa und den mittleren Osten. Außerdem ist er an der amerikanischen Ostküste vertreten. Auch in der west-mongolischen Provinz Bajan-Ölgii hat der Vogel sein Zuhause gefunden. Die dort vertretene Gattung des Königs der Lüfte ist der “Altai”, der vom Altai-Gebirge bis Ostsibirien zu finden ist. Er baut seine Nester auf Klippen und ist dafür bekannt, Partnerschaften fürs Leben zu schließen.

Der Falkner und sein Jäger

Traditionelle Falkner holen sich ihren Adler bereits als Jungtier aus den Nestern, um früh mit dem Training zu beginnen. Dabei greifen sie stets auf weibliche Adler zurück, da diese größer und stärker als ihre männlichen Artgenossen sind. Um das Tier an sich zu binden, ketten sie es an eine Sitzstange, womit ein Wegfliegen unmöglich wird. Jeder Fluchtversuch wird mit einem Sturz bestraft und irgendwann ist der Adler so erschöpft, dass er bereit ist, aus der Hand seines neuen Besitzers zu fressen. Natürlich wirkt das auf den ersten Blick grausam und für Tierschützer ist das sicherlich ein Unding. Doch ist auch zu berücksichtigen, dass die Tiere bis zu 30 Jahre alt werden und die Falkner ihre Vögel in der Regel nach sechs bis acht Jahren zurück in die freie Wildbahn entlassen. Dabei handelt es sich um einen emotionalen Abschied zwischen Mensch und Tier gleichermaßen.

Die Jagd mit dem Adler

Nach einem langen Training ist es irgendwann so weit und die erste richtige Jagd steht bevor. Damit der neue Jäger sehen kann, wie richtig gejagt wird, nimmt der Falkner einen erfahrenen Vogel mit. Dieser dient dem Neuling als Beispiel und Vorbild. Für gewöhnlich findet die Jagd in den kalten Wintermonaten statt, wenn die Beutetiere dickes Fell tragen. Darunter fallen Wölfe, Füchse und Hasen. Dann reiten die Falkner aus und führen ihren Adler auf einem dicken Lederhandschuh mit sich. Der Handschuh dient gleichzeitig zum Schutz vor dem eisernen Griff der Krallen. Bevor die Jagd losgeht, sehen die Vögel noch nicht viel, da sie eine Augenmaske oder Lederkappe tragen. Ausgangspunkt der Jagd ist stets eine Anhöhe, von der sich das weite Tal überblicken lässt.

Sind alle auf ihren Positionen gibt es einen Reiter, der ins Tal hinabreitet und das Wild aufscheucht. Hasen und Füchse stellen für gewöhnlich die Beute dar. Wer seinem fliegenden Jäger mehr zutraut, wählt auch mal größere Beutetiere als Ziel, die aber auch gefährlicher sind. Darunter fallen Wölfe und Rehe. Sobald die Tiere ihren Unterschlupf verlassen haben, entfernen die Falkner die Lederkappe und geben den Vögeln damit das Zeichen, sich die Beute zu greifen. Dabei breiten die Vögel ihre breiten eindrucksvollen Schwingen aus und stürzen sich in die Tiefe in Richtung des Tals. Damit der Adler im Kampf mit der Beute keine Verletzungen davonträgt, reitet der Falkner hinterher und erledigt das sich im Griff des Adlers windende Beutetier. Zur Belohnung für die erfolgreiche Arbeit bekommt der Jagdvogel die Lungen des erlegten Tieres zu fressen.

Das Steinadler-Fest

Das Steinadler-Fest ist eine kulturelle und abenteuerliche Attraktion für Einheimische, Reisende und Fotografen gleichermaßen. Doch handelt es sich nicht nur um ein Fest, sondern auch um eine antike Jagdtradition und ein einzigartiges Kulturerbe der kasachischen Ethnie des mongolischen Volkes. Das Fest findet in Bajan-Ölgii in der Westmongolei statt und dient der Weitergabe des Kulturerbes an die nächste Generation und den Rest der Welt. Dabei zeigen die einheimischen Kasachen ihre Jagdkunst mit den Adlern und einzigartige Traditionen. Während der Eröffnungsparade des Festes stellen sich schick gekleidete Jäger kompetitiven Aufgaben und bedienen sich dazu ihren Fähigkeiten als Trainer und denen des Vogels als Jäger.

Die Vereinigung der mongolischen Adlerjäger ist der Ausrichter des Festes, das jährlich im Oktober stattfindet. Dunkles und steiniges Terrain dient als Wettkampffläche für die Spiele. Neben den Wettkämpfen gibt es außerdem die Parade, Ausstellungen über die mongolische Kultur und die Jagd mit den Adlern, Demonstrationen und Handwerksarbeiten. Dazu müssen Besucher allerdings in das Stadtzentrum von Ölgii fahren. Die Festspiele finden knapp vier Kilometer außerhalb der Stadt statt. Es gib also viel zu sehen und zu bestaunen. Zusätzlich sind großartige Bildaufnahmen der Falkner mit ihren prächtigen und stolzen Adlern garantiert. Selbst wenn die Veranstaltung einen touristischen Charakter bekommen hat, so bietet sie die beste Möglichkeit, sich umfassend mit der Tradition zu befassen und diese zu erleben.

In den Weiten des Graslandes

Wer die Mongolei besucht, sollte dies in der zweiten Jahreshälfte tun. Denn ab Juli eines jeden Jahres hält das mongolische Volk seine größten Feiertage ab, an denen es seine eindrucksvollsten Traditionen lebt und demonstriert. Besucher bestaunen mongolische Ringer, Reiter und Bogenschützen während des Nadaam-Festes und mongolische Falkner mit majestätischen Adlern als Jäger während des Steinadler-Festes. Die bilderbuchhaften Eindrücke der weiten Graslandschaft stellen dabei eine unvergessliche Kulisse dar, in denen die mongolische Kultur von äußeren Einflüssen noch unberührt scheint. Hier sind Kultur, Tradition und wundervolle Fotoaufnahmen das Ergebnis einer wundervollen Reise.

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Patrick Müsker
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